Pinocchio

Auszug aus der Rede von Prof. Dr. Stefan Gaitanides (Fachhochschule Frankfurt) zur ersten Verleihung des Integrationspreises der Stadt Frankfurt am 27. Mai 2003 im Frankfurter Römer

Die italienisch-deutsche Kindertagesstätte in der Bockenheimer Anlage ist im ehemaligen Wohnhaus des romantischen Malers Moritz von Schwindt untergebracht, das unter Denkmalschutz steht. Ist es ein Zufall, dass das einzig erhaltene Wandgemälde eine italienische Landschaft darstellt?!

Die Beliebtheit der Tagesstätte auch bei deutschen Eltern dürfte allerdings wenig mit der notorischen Italiensehnsucht der Deutschen zu tun haben.

Neben den Kindern, deren beide Elternteile aus Italien kommen, besuchen viele Kinder aus bikulturellen Familien die Tagesstätte und solche, deren Eltern die multikulturelle Vielfalt und die Mehrsprachigkeit der Tagesstätte attraktiv finden – auch Migranten anderer Nationalitäten. Attraktiv ist auch die ausgewogene soziale Mischung der Tagesstätte und die ausgeprägt partizipative Elternarbeit.

Wie zugehörig sich Kinder nicht-italienischer Herkunft in diesem Kindergarten fühlen können, kann der Äußerung eines indisch-deutschen Jungen entnommen werden, die mir Frau Marina Demaria, die äußerst kompetente und engagierte Leiterin der Einrichtung, erzählt hat: „Eigentlich“, so der Junge „bin ich der einzige Italiener in der Familie“.

Die deutsch-italienische Kindertagesstätte versucht den Spagat zwischen der Weiterentwicklung der Erstsprache, der Erlernung der deutschen Sprache als Verkehrssprache für italienische Kinder und der spielerischen Vermittlung des Italienischen für die Kinder, die mit Deutsch als Erstsprache aufgewachsen sind.

Je nach situativem Anlass wechseln die italienischen Erzieherinnen in der Kommunikation mit den italienischen Kindern die Sprache. Vor allem neu aufgenommene Kinder mit wenig Deutschkenntnissen werden in das Leben des Kindergartens zunächst in der Muttersprache eingeführt.

Das Code-Switchen, der gleichzeitige Gebrauch beider Sprachen, spiegelt die Normalität der Sprachgewohnheiten der meisten Elternhäuser wider und gewöhnt Kinder, die nicht das Glück hatten mit mehreren Sprachen aufzuwachsen, an die Normalität der Mehrsprachigkeit, nimmt ihnen die Angst vor dem Nicht-Verstehen fremder Sprachen und weckt die Neugierde zur Erschließung deren Bedeutungen.

Keine Ängste müssen sich auch Neulinge ohne Deutschkenntnisse machen. Sie werden von den anderen Kindern, die sich aus eigner Erfahrung in ihre Situation gut einfühlen können, rührend umsorgt.

Der Erwerb der deutschen Sprache ist aber ein „Muss“ in der Tagesstätte.

Seit 15 Jahren – also schon lange bevor die Erziehungswissenschaftler die zentrale Bedeutung des Elementarbereichs für den systematischen Erwerb der Zweitsprache Deutsch in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt haben, hat die deutsch-italienische Kindertagesstätte für die Vorschulkinder einen Förderkurs zur Verbesserung der deutschen Sprachkompetenz eingeführt.

Und nicht erst seit den Erkenntnissen der PISA-Studie mischen die Erzieherinnen dabei die Fortgeschritteneren mit den Nachzüglern und segregieren nicht nach Leistungsniveau. Dies ist durch die spielerische und starke Differenzierung zulassende Form der Sprachförderung im Kindergarten besonders gut möglich.

Die Ergebnisse dieser nachahmenswerten gezielten Förderung lassen sich sehen. In 15 Jahren haben nur drei Kinder der Einrichtung eine Sonderschule besuchen müssen. Dabei ist die durchschnittliche Überweisungsquote gerade italienischer Kinder in die Sonderschule besonders hoch.

Auch musste kein Kind letztes Jahr aufgrund der Testergebnisse in eine Vorklasse zur Verbesserung der Sprachkenntnisse eingeschult werden.

Und lange vor PISA hat die Tagesstätte die Lesekompetenz – nicht nur in Deutsch, sondern auch Italienisch – gefördert: durch eine entsprechend ausgestattete Leihbibliothek, durch Vorlesezirkel der Erzieherinnen und alle vierzehn Tage durch Eltern-Vorlesezirkel.

Bei den italienischen Vorlesezirkeln lauschen auch immer wieder nicht-italienische Kinder und bekommen so den Klang der Sprache ins Ohr. Bedeutungen können sie sich durch aufgeschnappte Sprachbrocken, Bilder, Mimik und Gestik erschließen. So werden sie langsam in die Sprache hineingezogen.

Der italienischen Sprache können die deutschsprachigen Kinder sich auch durch Teilnahme an regelmäßig stattfindenden Sprach- und Singkreisen spielerisch nähern, aber auch an den italienischen Kochtagen, bei denen alle Verrichtungen auf Italienisch verbalisiert werden.

Das angeführte hohe konzeptionelle Niveau der Sprachförderung mag teilweise auch aus dem hohen Qualifikationsniveau der Mitarbeiterinnen resultieren. So hat die Leiterin, Frau Demaria, in Italien Germanistik über deutsches Kindertheater promoviert. Auch andere Mitarbeiterinnen haben akademische Abschlüsse.

Dieser Zusammenhang würde einmal mehr die Berechtigung des Rufes nach einer Anhebung der Qualifikation der Erzieherinnen untermauern. Damit der Kindergarten seinen Bildungsauftrag erfüllen kann, sind höchste Qualifikationen gerade gut genug.

Resümierend lässt sich feststellen: Die italienisch-deutsche Kindertagesstätte beweist, dass der Spagat zwischen Erst- und Zweitsprachenvermittlung im Kindergarten möglich ist und dass die Kinder bei einer pädagogisch angeleiteten Mehrsprachenvermittlung nicht verwirrt werden sondern in jeder Hinsicht davon profitieren.

Dies Modell verdient öffentliche Aufmerksamkeit gerade in einer Zeit, in der die Waagschale der öffentlichen Meinung sich wieder zugunsten eines einseitigen assimilatorischen Verständnisses von Integration neigt.

Die gleichzeitige Entwicklung der Erst- und der Zweitsprache trägt nicht nur zur Verbesserung des Zweitsprachenerwerbs bei – zu diesem Ergebnis kommt der Mainstream der einschlägigen internationalen Forschung - , die Förderung bilingualer Kompetenzen dient auch der Aufrechterhaltung und Pflege der familiären und verwandtschaftlichen Kommunikationsbeziehungen und sie erweitert die beruflichen Optionen in einer sich europäisierenden und globalisierenden Wirtschaft, in der Mehrsprachigkeit immer mehr zu einer Schlüsselkompetenz wird.

(…)

Alle drei prämierten Projekte belegen, dass Immigranten mittlerweile den Integrationsprozess selbst in die Hand nehmen. Integration ist für sie keine Einbahnstraße. Die Beispiele belegen auch, dass es bereits hervorragende – aus Eigeninitiative entwickelte – Modelle friedlichen und bereichernden multikulturellen Zusammenlebens gibt und wir das Rad nicht neu erfinden müssen.

Um eine flächendeckendere Verbreitung dieser Modelle müssen sich aber die politischen Entscheidungsträger und öffentlichen Geldgeber kümmern.

Die Rahmenbedingungen dafür würden sich durch eine gesetzliche Absicherung von Integrationsleistungen wesentlich verbessern – wie von der unabhängigen Zuwanderungskommission gefordert.

Die verstärkte Integrationsrhetorik der letzten Jahre bekommt einen hohlen Klang, wenn ihr nicht bald entsprechende gesetzgeberische und finanzierungspolitische Taten folgen.



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